REPORTAGEN
Abgestürzte Avantgarde
Kommando Bühne N-Bild

Das Gebäude 9 ist ein heruntergekommener Häuserkomplex im Kölner Stadtteil Mülheim. Die Kölner sagen "schäl Sick" zu den Bezirken, die rechtsrheinisch liegen. Was soviel wie "blöde Seite vom Rhein" bedeutet. Es regnet in Strömen und im Hof stapelt sich der Schrott. Künstler und Architekten arbeiten am Erhalt dieser zum Teil eingefallenen Mauern, indem sie ihre Kreativität in den hier eingerichteten Lofts verschwenden und daraus Kapital schlagen. Mal mehr, mal weniger, mal reicht es kaum zum Leben. Da passt es, dass am heutigen Abend eine Band im Klub des Gebäude 9 spielen wird, deren Bühnenbild aus Teilen eines Flugzeugwracks besteht. Es ist das Kommando Sonne N-Milch. Eine Art Konzeptband mit sieben Mitgliedern, die total krude Künstlernamen tragen, die im Folgenden nur in notwendigen Fällen aufgedeckt werden.

Der erste Kontakt ist oft mühsam. Besonders vor einem Auftritt. Wenn die Luft von Aufregung, Nervosität und Hunger geschwängert ist. Gegessen wird in der Regel erst dann, wenn alle kurz davor sind, aufgrund von Unterzuckerung in Ohnmacht zu fallen. In einem kleinen Raum unmittelbar hinter der Bühne sind alle versammelt. Schäbig ist es dort, grosse Aluminium-Töpfe sind bis zum Rand mit heissem Essen gefüllt. Lautes Geschirrklappern und Stimmengewirr dominieren die Geräuschkulisse. Mir kommt es so vor, als verursachten alle mutwillig mehr Lärm, als mein kleines Mikrophon ertragen kann. Irgendwann hört dann doch endlich jemand zu. Solch einer eingeschworenen Gemeinschaft sieht man nicht einfach so beim Essen zu, denke ich kurz, fühle mich doof und das bleibt auch noch eine Weile so. Auf die erste Frage, ob sie sich als Band oder Kunstprojekt sehen, reagiert S. Peter Streicher, der den Bass spielt, mit einem Kopfschütteln und den folgenden Worten: "Der Mittelpunkt ist Jens mit seinen Texten und den Ideen, die er hat. Und wir sind nicht irgendwelche Leute, sondern alle seine Freunde und so haben wir zusammengefunden und die Texte erarbeitet. Wir überlegten, wie man das Ganze jetzt aussergewöhnlich in Szene setzen könnte. Wir wollten uns nicht einfach auf die Bühne stellen und spielen. So entstand die Idee mit dem Bühnenbild und da wir einen Bühnenbildner kennen, war das eben solch eine Verflechtung, die über die Zeit gewachsen ist. Es ist kein Konzept, nichts Gewolltes. Es schart sich alles um Jens, der das Ganze hier zusammenhält, das wird er nicht gerne hören wollen, aber so ist es."

Alles um Jens

Jens. Gemeint ist Jensen, Sänger und Texter von Bands wie Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut und Oma Hans. Seit zwanzig Jahren dreht er in Hamburg sein eigenes Ding und will den Punk in ihm nicht sterben lassen. Im Kommando Sonne N-Milch spielt er als B. Schlauch einer der wichtigeren Rollen, wie mir immer wieder von allen Seiten versichert wird. Er schreibt auch hier die Texte und hält offensichtlich die Truppe zusammen. Reden wird er aber nicht mit mir. Mehr als ein genervtes: "Wieso? Wenn unser Mann drei Mal auf die Mailbox spricht und der Idiot sich nicht zurückmeldet? Also nee, da würde ich mich auch nicht mehr anrufen." auf die Frage, warum die Booking-Agentur des Kommandos bei der Konzertanfrage an der Berliner Volksbühne nicht hartnäckiger war, bekomme ich jedenfalls nicht. Aber er ist der Initiator und derjenige, der die Band zusammenhält. Obwohl es in dem Sinne gar keine richtige Band ist, denn sie finden sich nicht alle zwei, drei Tage in einem Proberaum wieder, um sich die Finger wund zu musizieren. T. Popouwitszu aka Thomas Wenzel (Die Sterne), der im Kommando als Tastenmann fungiert, steuert aus einer Ecke, gleichgültiger als vielleicht gewollt, hinzu, dass "er ja eigentlich keine Band kennt, bei der es anders ist. Das sie sich für eine gewisse Zeit auf etwas anderes konzentriert und sich dann Freiräume schafft dafür und dann irgendwann damit abschliesst, wieder aufhört und mit etwas anderem anfängt."

Kommando

Also gut: kein Kunstprojekt, keine klassische Band. Eine Ansammlung von Freunden, die sich um eine einzelne Person schart und doch lässt jeder Einzelne sein kreatives Potenzial einfliessen. Daraus werden dann: Geloopte Geräuschsamples, poppige Gitarrenmelodien, Orgel, Klavier und kluge, zum Teil irre Texte, die von Schauspielerinnen und Jensen gesungen oder auch gesprochen werden. "Es gibt natürlich die Punkfans, die mit einer gewissen Hörerwartung hierher kommen, die aber nicht zu hundert Prozent befriedigt werden kann. Die kennen uns aus unseren anderen Projekten und denken oft, wir machen mit dem Kommando Ähnliches. Andererseits war ich überrascht, wie viele Leute dann doch enthusiastisch reagieren, obwohl das eine Musik ist, die durchaus nicht besonders leicht zugänglich ist. Man muss schon zuhören, und obwohl es recht anstrengender Stoff ist, wird sie doch ganz gut auf- und vor allem angenommen", sagt Ronnie Kastanienallee, der Mann am Computer. S. Peter Streicher fügt hinzu, was ich als nächstes gefragt hätte: "Wer soll denn da hinkommen? Theaterleute? Punks? Es kommen jetzt Leute auf uns zu, die eigentlich keine Punks sind und sich sehr für unser Projekt interessieren. Wir haben erwartet, dass da vierzig Leute kommen. Solange ist die Tour noch nicht und es läuft bisher ganz gut. Es sind jeden Abend so hundert bis hundertfünfzig. Mich hätte es nicht gewundert, wenn es viel weniger gewesen wären. Weil wir so schlecht kategorisierbar sind."

Kommando LiveSie sind schlecht einzuordnen und doch sehr organisiert. Ein Bühnenbild diesen Ausmasses bedarf einer durchdachten Planung. Auch die einheitlichen Anzüge und die exakte Ausleuchtung der Szenerie vermitteln alles andere als einen chaotischen Eindruck. Geht man näher an die Bühne heran, sieht man die Details: die Flugzeugteile, die sich, mit Klebeband befestigt, um die Bühne ranken. Es entsteht der Eindruck, dass sie nur an dieser bestimmten Stelle hängen dürfen, weil sie sonst das Bild als Ganzes durcheinander bringen könnten. Kein Rotz, keine Schreie, keine Wut. Drauf los spielen, frei nach dem 'Do-it-yourself'-Ethos des Punk, ist ihnen fremd. Punk als Attitüde und Gegenentwurf zur seelenlosen Musikindustrie wird woanders gespielt. Nicht so auf einem Konzert von Kommando Sonne N-Milch. Ob sie bewusst als Künstler mit einem progressiven Programm in Opposition zu den bestehenden Konventionen treten, ist eine Frage, die sie nicht beantworten können. Der Kopf des Projektes will ja nicht. Erübrigt sich die Frage, wenn man immer wieder hört, warum sie eigentlich Musik machen? Theaterschauspielerin und Sängerin Mercedes Zaro meint dazu: "Ich war bisher ganz zufrieden, mir hat das Theater gereicht. Und dann habe ich in einem Stück Jensen kennen gelernt und es war, wie bei allen anderen auch: er ist ein Freund und suchte jemanden für sein Projekt. Ich singe gern, habe zwar überhaupt keine Ausbildung und fühle mich auch eigentlich nicht als Sängerin, aber er hat mich dazu überredet, nach Hamburg zu kommen und es zu tun. So kam das. Es ist das Grösste für mich, es ist besser als Theater, aber aufgeben würde ich die Schauspielerei dafür natürlich nicht. Es hat also nichts mit einer Suche zu tun und ich will das auch eigentlich nicht zum Thema machen, das ich jetzt singe. Es macht mir Spass, dass es die Band ist, dass wir es sind, dass es sieben Leute sind und dass es überhaupt stattfindet. Für mich ist es echt das Beste was passiert ist." Sie wird unterbrochen von S. Peter Streicher, der lautstark bemerkt, dass sie das ihm so noch nie erzählt hätte und dass sie, wenn sie das so meint, doch jeden Tag Interviews geben sollten. Das es das Beste ist, was ihr passiert ist, wird man noch merken, hinterher, auf der Bühne.

Der Klub ist gut gefüllt, die Luft schlecht. Mehr Menschen als noch von Ronnie Kastanienallee anfangs erwartet, füllen den Raum, drängen sich aneinander und zeigen verwundert auf die Bühne, versuchen sich das ein oder andere Flugzeugteil im Gesamtbild zu erklären. Jensen steht plötzlich hinter uns und fragt den Fotografen: "Kannst du uns die Bilder schicken?" Er antwortet: "Klar, wohin?" Jensen: "Trümmer". Das ist die Booking-Agentur des Kommandos. Mehr Worte werden nicht gewechselt. Der Typ ist erstaunlich. Frank Spilker taucht im Publikum auf. Er wechselt ständig seinen Blickwinkel, indem er unruhig von links nach rechts durch die Menge geht und hier und da stehen bleibt. Was er wohl als einer der Dandys der Hamburger Schule denkt, wenn er all diese Menschen, die vermutlich auch seine Freunde sind, auf der Bühne sieht? In diesem Aufzug, in diesem Licht. Vielleicht sinniert er über avantgardistische Musik im Allgemeinen und den deutschen Punk im Besonderen. Über Radikalität und Aussenseitertum. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht lässt er sich einfach nur beeindrucken von diesem Einfallsreichtum, der Ausstrahlung dieser Menschen da oben. Von diesem abgestürzten Avantgardismus.

Kommando Live


Text: Rebekka Bongart

Bilder: Martin Dockenfuss

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