REPORTAGEN
What's true about Marla Glen
Marla Glen

Die Atmosphäre im Augsburger Spektrum ist ruhig. Nichts, ausser der vorbereiteten Bühne, lässt darauf vermuten, dass hier heute Abend noch ein Konzert stattfindet, das die Besucher in echte Beifallsstürme ausbrechen lassen wird. Mir ist klar, dass ich heute eine Frau, eine Künstlerin treffen werde, die nicht eben als unkompliziert gilt, launisch und wehleidig sein soll. Marla Glen kam vor zehn Jahren aus Chicago nach Europa um zu singen. Ihr Debut "This is Marla Glen" wurde ein Hitalbum. Damit begann die unglaubliche Karriere einer aussergewöhnlich begabten Sängerin und gleichzeitig Marla Glens Kampf gegen kommerzielle Vermarktung, Ausbeutung und Vorurteile.

Es darf gelacht werden Sandra Kaupp, Marlas Managerin, empfängt mich offen und freundlich und geleitet mich in den Backstagebereich. Man stelle sich einen Raum von ungefähr 20 Quadratmeter vor. Hier sieht es ein wenig wie auf einer zu Ende gehenden Teenieparty aus. Der Bereich ist Aufenthaltsraum, Garderobe, Abstellkammer, Verpflegungsstützpunkt und Raucherzimmer für Marla und die achtköpfige Band. Sogar ein Waschbecken mit Spiegel findet sich hier. Man kann froh sein, das das stille Örtchen wenigstens hinter einer Tür verborgen ist. Überall liegt und steht Krempel herum. Der Tisch ist voll mit angebissenen Süssigkeiten, Knabberzeug, halbvollen Flaschen und randvoll gefüllten Aschenbechern. Einige Bandmitglieder hängen Joints rauchend in den Sesseln und schauen mich freundlich desinteressiert an als ich hereinkomme. Marla Glen steht in einer Ecke. Sie sieht aus wie aus dem Ei gepellt in ihrem schicken Joop Anzug und dem weissen Hemd. Sie mustert mich einige Sekunden aus den Augenwinkeln - abschätzend, zurückhaltend, fast schüchtern, um im nächsten Augenblick offen auf mich zuzugehen und mich freundlich zu begrüssen. Sie schaufelt mir einen Platz frei, bietet mir etwas zu trinken an und lässt sich dann selbst in die Couch fallen.

Frau Kaupp hat hinter mir Platz genommen. Mit dem Rücken an der Wand hat sie das Geschehen voll im Blick. Sie hat die Zügel in der Hand und es scheint, als wäre sie nicht nur die Managerin, sondern auch eine gute Freundin von Marla Glen. Eine Freundin, die sie beschützt, und zu der Glen Vertrauen hat. Eigentlich sollte ich Marla Glen nach dem Konzert treffen. So war es mit der PR-Agentur abgesprochen. Aber Frau Kaupp kennt ihren Schützling besser: "Nach dem Konzert gibt Marla noch Autogramme. Sie ist dann erschöpft, will duschen und ins Hotel." Ihre freundliche Bestimmtheit lässt keine Fragen offen. Sie ist um das Wohlergehen ihrer Klientin bemüht und bereitet ihrer Freundin das rundum Sorglos-Paket. Das erinnert ein wenig daran, wie Marla Glen einst Nina Simone den Rücken freigehalten hat. Nicht als Bodyguard, eine dieser erfundenen Geschichten ihres damaligen Managements, sondern als Housesitter. "Wir hatten eine geschäftliche Beziehung. Ich habe ihr Haus sauber gehalten, die Blumen gegossen und die Post geholt, wenn sie unterwegs war, was ziemlich oft der Fall war. Alles andere ist eine dumme Lüge. Sehe ich aus wie ein Bodyguard?" Sie springt auf. In der Tat. Vor mir steht ohne Frage eine energievolle Frau, aber so zierlich und klein, dass der massgeschneiderte Designeranzug ihr über den Hintern schlabbert. Schwer vorstellbar, dass diese Frau lästige Fans und Menschenmassen zurückdrängen kann, es sei denn mit ihrer gewaltigen Stimme.

Marlas Hand "Wir reissen uns die Kleider vom Leib", sagt sie etwas anzüglich und dann ist es da, dieses Lachen, laut und ein kleines bisschen schmutzig. Marla Glen, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt, schwenkt auf Weihnachts-Anekdoten um. Zusammen mit ihrer Freundin und deren Sohn wird sie zu Hause in Deutschland feiern. Sie, die seit Ende der 90er Jahre in Deutschland wohnt und lebt, erzählt mir, dass sie bis heute kein Deutsch spricht. "Wenn du irgendwo lebst und das Land und die Leute magst, dann sprichst du automatisch die Sprache. Für mich ist es schwierig zu sagen 'Ich spreche gern deutsch', wenn ich die Sprache nicht sprechen möchte." Sie hat lange Zeit gebraucht, um sich hier wohl zu fühlen. Das ist der perfekte Einstieg für Marla in ihre Leidensgeschichte. Hier, in einem Land, wo sie von ihrem damaligen Management und der Plattenfirma so verletzt wurde. Und jetzt kommen sie, all die Geschichten, die man zur Genüge über sie gelesen hat, all die Lügen, die zu Marketingzwecken über sie verbreitet wurden. "Als ich den Vertrag bei meiner Plattenfirma unterschrieben habe, wurde ich zu einem armen schwarzen Nigger. Aber ich habe niemals Baumwolle gepflückt. Mein Vater hat keine dicken Lippen." Man hat ein armes schwarzes Mädchen aus dem Ghetto aus ihr gemacht. Fast beschwörend erzählt sie mir über ihre schöne und sorgenfreie Kindheit. Eine gehörige Portion Sarkasmus schwingt mit bei allem was sie sagt. Aber sie bleibt ruhig während sie mir darüber berichtet. Lässig sitzt sie in der Couch, einen Arm über der Lehne, ist sie der edle und stolze Mittelpunkt in dem schmuddeligen Raum.

Mittendrin erkundigt sich Marla Glen, wann endlich das Essen kommt. Ich hatte schon von ihrem unbändigen Appetit gehört. Wo isst sie das bloss hin? Und wie das so ist, wenn kein Snack in Sicht ist, man aber Hunger verspürt, kann sie an nichts anderes mehr denken. Sie plant sofort Mittag- und Abendessen für den nächsten Tag in Berlin, wo sie Fou Fou essen gehen möchte. Erklärt mir, dass es sich um ein afrikanisches Gericht handelt, welches mit den Händen gegessen wird. Sie wiegelt einige Minuten ab, ob das Fou Fou in Düsseldorf, Stuttgart oder Berlin das Beste ist und einigt sich schliesslich mit sich selbst auf Berlin. Da das Catering noch immer nicht eingetroffen ist, fängt sie an in allen Tonlagen und Betonungen "Kentucky Fried Chicken" zu singen, klatscht dabei rhythmisch in die Hände, was damit endet, dass sie sich mal wieder vor lachen nicht halten kann.

Marla Glen Vermisst sie ihre Heimat, Chicago, die USA? Ihr Gesicht wird wieder ernst. Sie sagt, es fällt ihr schwer, die schlechten Zeiten, die das Leben ihr beschert hat, nicht immer zuerst zu sehen. Wieder fallen Sätze wie: "Sie haben mich getötet. Sie haben mein Leben zerstört." Aber sie beginnt immer mehr, auch wieder die guten Seiten zu sehen. Sie hat in Deutschland Menschen mit Herz gefunden, die es ehrlich mit ihr meinen. Amerika und ihre Familie vermisst sie kein bisschen. Alle Verbindungen dorthin sind abgebrochen. Sie war in den letzten fünfzehn Jahren nur einmal in den USA, zur Beerdigung ihrer Mutter. Am nächsten Tag ist sie zurück geflogen und stand am Abend wieder auf der Bühne. Mit einem verträumten Gesicht und einer sehr warmen Stimme erklärt sie mir, dass sie zwei Familien hat. Eine, in die sie hineingeboren wurde und eine, die sie selbst gefunden hat. Irgendwie, so scheint es, versucht sie mit mal mehr und mal weniger Erfolg, ihre Vergangenheit auszublenden. Während ihres Konzertes lässt sie es sich aber nicht nehmen, der Masse ein Schild mit der Aufschrift 'There must be justice' entgegenzuhalten, gerade so als stünde sie in einem Gerichtssaal vor ihren Richtern und damit zumindest einen Song lang wie ein Streikposten auf der Bühne auf und ab zu marschieren. Und obwohl sie noch heute Prozesse in diesen Angelegenheiten laufen hat, sitzt sie vor mir und sagt: "Mich mit meiner Zukunft zu beschäftigen ist auf jeden Fall viel aufregender als meine Vergangenheit." Das hört sich gut an. Und für sie fühlt es sich gut an.

In der Zwischenzeit halte ich mal Ausschau nach Hutschachteln. Hatte ich mir doch vorgestellt, dass Marla Glen mindestens mit einer Lkw-Ladung selbiger auf Reisen geht. Aber, nichts zu entdecken. Sie hat keinen Lieblingshutladen. Marla Glen kauft überall Hüte, wenn sie ihr gefallen, notfalls auch im Fischladen. Nebenbei gibt sie mir zu verstehen, dass sie das Interesse an ihrer Kopfbedeckung nervt. "Warum interessieren sich alle für meine Hüte und keiner für meine Unterwäsche?" lacht sie und gibt sich grölend Five mit ihrem Drummer. Sie zuckt mit den Schultern: "Ich bin keine Diva. Ich gehe überall shoppen. Ich kaufe bei Hausi & Mausi (gemeint war Hennes & Mauritz, d.A.), C&A und am liebsten kaufe ich an der Tankstelle ein. Ich bin ein einfacher Mensch." Die Anzüge von Joop trägt sie nur, weil der Designer ihr das Angebot gemacht hat, sie umsonst auszustatten, welches sie mit einem "Oh yeah!" angenommen hat. Zum Dank dafür beugt sie sich vor, geht ganz nah an mein Mikrofon um ungefähr acht Mal laut "Joop" hineinzurufen und sich dann wieder vor Lachen nicht einzukriegen.

In den Medien wird sie mit ihrem letzten Album "Friends" als gelungenes Comeback gefeiert. Sie selbst sieht das anders. Ja, sie hat ihr Leben und ihr Umfeld neu sortiert. "Ich habe mir mein Leben zurückgeholt, also nennen wir es nicht Comeback sondern take back." Jetzt lacht sie schon wieder laut in die Runde. Sie ist stolz darauf, dass sie die Songs auf dem Album alle selbst geschrieben hat. Ihre Lieder handeln von Gerechtigkeit, Frieden und Liebe. Man spürt ihre Sensibilität für alles Emotionale und Zwischenmenschliche. Auch jenseits der Musik engagiert sie sich für benachteiligte und kranke Menschen. Ihre Message ist: "Die Welt ist in Schwierigkeiten. Lasst uns eins werden!" Und, nicht ohne ein anrüchiges Grinsen: "Habt Sex!"

Signierstunde Das bringt sie mit einem nicht unbeachtlichen schauspielerischen Talent, wo jede Bewegung sitzt, ihren Fans rüber. Ihre Mimik ist wohldosiert und sehr prägnant. Mehr braucht sie auch nicht, ihre Stimme zieht ja eh alle in ihren Bann. Das Publikum versteht was Marla Glen sagen will und geht euphorisch mit, hört besinnlich zu oder kuschelt sich etwas enger zusammen. Vor allem die auffallend vielen lesbischen Pärchen, die in allen Ecken der Location heftig knutschend zu finden sind. Für sie ist diese androgyne Frau ein Vorbild. Und sie sind es auch, die sich von Marla Glen nach dem Konzert Autogramme auf alle Körperteile und Kleidungsstücke geben lassen, wie wir es sonst nur bei Boygroups kennen. Marla ist geduldig. Sie liebt ihre Fans. Am Ausgang der Konzerthalle hat sie es sich nach dem Konzert mit einem Bier auf einem Barhocker bequem gemacht und schreibt noch mindestens eine Stunde lang Autogramme, lässt sich fotografieren und spricht mit ihren Fans. Ein Star zum Anfassen im wahrsten Sinne des Wortes.

Einen Moment grübele ich darüber nach, wann wohl jemals jemand über sie schreiben konnte, sie sei kompliziert, launisch und wehleidig. Vielleicht zu der Zeit als man ihr das Leben zur Hölle gemacht hat und sie nicht der Mensch sein konnte, der sie eigentlich ist. Wen wundert es? Egal. Ich geniesse es, noch einige Augenblicke bei ihr zu sein. Als ich mich verabschiede und mich für das Interview und ihre Offenheit bedanke, strahlt sie mich mit ihrem breiten Lächeln an und winkt ab: "That's alright." - unkompliziert, gut gelaunt und voller positiver Energie.

Text: Claudia Borgwardt

Bilder: Sebastian Hilder
(ausser oberstes Bild: Pressefreigabe)

Mehr zu Marla Glen unter www.marlaglen.de

Friends Die CD "Friends" (Sony) gibt es nicht nur im Internet oder in den einschlägigen Medienmärkten, sondern auch beim Plattenhändler ihres Vertrauens.

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