REPORTAGEN
Being Purple Schulz
On Camera

Purple Schulz ist auf dem Weg in ein Fernsehstudio vis a vis der Berliner Gedächtniskirche. Er will dort für sein aktuelles Livealbum und den Auftritt in den Berliner Wühlmäusen am nächsten Abend werben. Am Europacenter kommt Ulli Zelle, Berlins rasender Reporter des RBB Fernsehens, zielgerichtet auf ihn zu, schüttelt ihm die Hand und sucht kurz nach dem Namen: "Purple Schulz, oder?" Purple nickt. Man kennt ihn, auch wenn die grossen Erfolge schon ein Weilchen her sind. Besser: man erinnert sich. Aber er ist immer noch da. Er erzählt von dem Film "Being John Malkovich", in dem es "diese herrliche Szene gibt, wo John Malkovich im Taxi sitzt und auf einen Film angesprochen wird, in dem er nicht mitgespielt hat. Und so ein bisschen Malkovich steckt auch in mir, da man mit meinen Namen schon etwas verbinden kann, aber man kann es nicht immer so genau zuordnen, ausser diesen Brandzeichen wie 'Sehnsucht', 'Verliebte Jungs' und 'Ich will raus'." Doch Verwechslungen war er schon früher ausgeliefert. Die Legende will es, dass Anfang der Achtziger Jahre Rio Reiser früh morgens einen Anruf seines Bruders erhält, der ihm zu seiner neuen Single gratuliert. Ein tolles Stück wäre das. Reiser ist verblüfft. Er kann sich nicht daran erinnern, gerade etwas ausgekoppelt zu haben. Hatte er auch nicht. Es ging um "Sehnsucht", Purple Schulz damaligen Überhit.

Die Eingangshalle des recht provisorischen Fernsehstudios ist abends eine Bar. Ein Gläser polierender Mann weist dem leicht ergrauten Purple Schulz den Weg nach oben, erkennt ihn offensichtlich nicht, schon gar nicht mit Brille. Der erste Raum ist leer, zur Linken geht es ins Studio. Ein Mitarbeiter erkennt und begrüsst ihn, führt ihn zu einer kleinen Sitzecke vor schaufenstergrossen Fenstern und eilt wieder weg. Die roten Sessel sehen gemütlich aus und zeugen von einem Stil der nicht ganz hierher passen will. Der Mitarbeiter kommt mit dem Moderator der Sendung im Schlepptau an. Der Moderator ist, und hier passt es, ein Bär von einem Mann. Die wenigen grauen Haare sind auf einen Millimeter gestutzt. Hätte er einen schwarzen Vollbart und eine Seemannskappe, ginge er glatt als Neubesetzung für Pipi Langstrumpfs Vater Ephraim durch. Der Bär lümmelt jedoch im Stile eines Balu aus dem Dschungelbuch zwischen den Lehnen einer der Sessel, raucht und reisst einen Kalauer nach dem anderen. Das färbt auf den Rest des Teams ab, das einer ernsten Aussage nicht mehr fähig wird. Alles wird klappen, alles gut, erst mal eine rauchen. Erst mal sehen, was der verrückte Italiener hier will, der sich jetzt anscheinend öfter im Studio seine Zeit vertreibt und mit immer neuen Zoten auf sich aufmerksam macht. Dieser steht urplötzlich im schnieken Anzug und sauber gegeltem Haar neben der Runde. Purple Schulz ist von ihm irritiert, da er ihn um Freikarten für das Konzert am nächsten Tag bittet. Wer zum Henker ist das? Und warum lassen die ihn frei herumlaufen? Der Typ sei Sohn reicher Eltern, gelangweilt und lasse sich der Geltung wegen gerne hier sehen, verrät ihm die Produzentin.

Backstage

Purple Schulz raucht, beobachet das phlegmatische Treiben um ihn herum und studiert den Ablauf der Sendung. Er ist wach und wägt ab ob das hier eine seriöse Sache ist. Die Sendung ist in vier Blöcke unterteilt, die jeweils durch Werbung getrennt werden. Ein erster Block mit einer comedyhaften Abhandlung des Tagesgeschehens, und dann frei nach Schnauze. Steht da natürlich nicht, wird aber so vom Moderator zusammengefasst, der sich als grosser Purple Schulz Fan outet. "Kleine Seen" hätte es ihm damals sehr angetan, ob Purple die Nummer nicht spielen könnte. "Jooa", kommt es zögerlich aus ihm heraus. Dafür würden sie ihn alle loben, dabei habe den Text ihr damaliger Schlagzeuger Dieter Hoff geschrieben, als sie noch die Neue Heimat hiessen. "Ich spiele es gerne", meint Purple, aber es sei eben mehr wie eine Coverversion. Das sind nicht seine Worte, nicht seine Gefühle. Ebenso wie der damalige Bandname Neue Heimat, der ihnen 1981 von ihrem Verlag übergeholfen wurde, da es bereits eine Single für diese Band gab, die im Radio gespielt wurde. Die originalen Musiker der Neuen Heimat (u.a. Wolf Maahn) hatten keine Lust gehabt für dieses Projekt zu werben. Der Bandname ist jedoch inzwischen Geschichte.

Moderator Ein paar Minuten später beginnt die nachmittägliche Show, die stark an die Nate Light Shows im Stile von Harald Schmidt angelehnt ist. Es gibt einen Schreibtisch für den Chef, einen für den Redakteur und ein E-Piano. Das Publikum besteht aus einer Stuhlreihe im Off, und Publikum ist wer gerade da ist. Applaus ist immer gut. Der Moderator plaudert sich warm, weist auf Purple Schulz hin und isst Spaghetti. Das Thema heute ist Italien. Es gibt ein wenig Mafia, ein wenig Papst, viel Akzent und Werbung für eine Pizzeria in der Nähe des Studios. Dann Werbung. Der Moderator kalauert weiter. Purple setzt sich hinzu. Die nächsten drei Viertel der Sendung gehören ihm. Der Moderator futtert seine Spaghetti weiter, wirbt für die Pizzeria und erzählt davon wie er als Jugendlicher damals Purple Schulz und die Neue Heimat für sich entdeckte und wie begeistert er noch heute von "Kleine Seen" ist. Er versucht sich eine etwas ernstere Note, aufgrund seiner ehemals tiefen Gefühle, die dieses Lied umrankten, zu geben, steckt aber in den Kalauern fest. Purple kennt das schon: "So mancher gestandene Mann hat sich schon sentimental zu meinen Liedern bekannt." Stefan Raab wäre so einer gewesen. Purple geht zum E-Piano und spielt dieses Lied aus der Reihe heimlicher Lieblingslieder. Wunderbare Soloversion, Publikum ganz still, Purple ganz nah am Kern des Liedes, der Moderator zurückgefläzt in seinen Chefsessel, die Finger auf dem Bauch verschränkt, geniessend, aber auch immer sich der Beobachtung seiner Person vergewissernd.

So geht es weiter. Purples Karriere wird aufgerollt, die Pizzeria wird gelobt, der Italiener reicher Eltern reicht Ramazotti und ein weiteres Lied findet Gehör: "Dumm und reich", die Geschichte eines Musikers, der aus dem Leid anderer Hits macht. Eine Art "Song for whoever", die Debutsingle von The Beautiful South. Die Geschichte hat einen hohen Unterhaltungsfaktor, eine gewisse Grundtiefe und wird von einem gereiften Musiker vorgetragen, der sein Lied immer wieder ernst nimmt. Purple bedankt sich, Kalauer, Hinweis auf die Pizzeria und Abspann. Das Gewusel geht los, Purple wird abgeschminkt, die Nebenkulisse wird beleuchtet, in der Wolf Dieter Herrmann, der einstige Sat-1 Pionier, eine Berliner Lokalnachrichtensendung moderieren wird. Im Redaktionsraum, der im wesentlichen Abstellraum und Sofa ist, versammelt sich die Crew nochmal, verabredet sich zum Essen in der Pizzeria und lässt sich von Purple auf die Gästeliste setzen. Der nutzt die Gelegenheit und organisiert schnell einen TV-Auftritt für Regy Clasen (siehe eigene Musikreportage), die ihn am nächsten Tag supporten wird.

Wieder draussen, zeigt sich Purple zufrieden: "Wo bekommt man heute schon die Möglichkeit noch so lange zu reden? Normalerweise ist man in zehn Minuten durch und davon gehen drei für den Einspieler weg. Ich finde das sehr schön, dass man reden kann und dass einem zugehört wird. Das ist heute kaum noch der Fall." Purple Schulz weiss, dass es im Pop-Geschäft nicht einfacher wird und dass sich die Popularität eigenen Gesetzen unterwirft. "Nimm Lambchop", meint er, "die machen wunderbare Platten. Wer kennt die schon?" Wer hätte gedacht, dass Purple Schulz Lambchop hört? "Ich kann damit umgehen, dass sich unsere Situation im Verhältnis zu den Achtzigern schon sehr verändert hat," fährt er fort, "auf der einen Seite kenne ich noch die grossen Hallen... na ja, die spielen wir jetzt auch wieder, aber nicht alleine, sondern im Rahmen eines Achtziger Pakets. Ok, aber wir müssen uns damit abfinden, dass wir ein Teil der Geschichte sind, ne? (lacht) Es tut uns zwar manchmal ein bisschen weh für vier Hits auf die Bühne zu steigen und danach wieder runter zu gehen, ohne dass ich eigentlich gesagt habe, was ich gerne sagen wollte, mein ganzes Leben lang. Und was auch auf allen Platten irgendwie drauf ist, aber nie in den Radios lief. Das tut schon ein bisschen weh, aber wenn ich auf der anderen Seite die Gesichter der Leute sehe, die ihre Geschichten damit verbinden, dann ist es auch schon wieder ganz witzig."

Am Mikro Am nächsten Tag sind die Leute von der Sendung tatsächlich alle vor Ort, in den Wühlmäusen, Didi Hallervordens Kabarettbühne, die ab und an auch musikalische Acts beherbergt. Ein schöner Konzertsaal, Bühne mit rotem Samtvorhang, gediegenes Foyer, alles sehr klassisch gehalten. Dagegen ist das Publikum eine bunte Mischung aus unrasierten Studenten im Seemannspullover (Bekleidungsgeschäfte wollen uns einreden, das hiesse jetzt Troyer), dem Alt-Berliner Hochadel (das meint das Harald Juhnke Publikum der Achtziger Jahre) und gediegene Frauen um die Vierzig, die ihre Frisur in Läden stylen lassen, die wohl Brigittes Haarsalon heissen. Da scheint für jeden etwas in der Musik von Purple Schulz drin zu sein. Purple Schulz bestreitet den Abend zusammen mit Josef Piek, der auch schon bei der Neuen Heimat Gitarre spielte. Sie machen sich auf zwei Akustikgitarren und einem Piano auf die Reise durch das reichhaltige Repertoire der Band. Dabei interpretieren sie die Lieder in neuen Arrangements und mit grosser Intensität. Das vor allem auf der Seite Purples. Josef Piek behält eine Art Pokerface, spielt souverän und weiss sein Lächeln wohl zu dosieren. Sie liefern keine Hits ab, sie spielen sie, entdecken sie selbst neu. Zumindest macht es den Eindruck. So stellt man sich eine Akustiksession vor. Zwischendrin gibt es richtig Albernes, das vor allem Brigittes Haarcrew gut gefällt, aber keine Abdrücke in den Analen des Rock hinterlassen will.

Nach dem Konzert die übliche Hektik. Hände werden geschüttelt, Fotos gemacht, ein Pils vom Fass mehr herumgetragen als getrunken. Piek gibt, auf einem Barhocker gegen die Wand gelehnt, den weltmännischen Lebemann mit einem Glas Wein vor sich und einer Blondinen neben sich. Der Backstagebereich in den Wühlmäusen ist riesig und befindet sich unter der Bühne. Auf einem Tisch hat irgendjemand eine Broschüre aus dem Jahr 1989 vergessen. Sie berichtet vom "Musiksommer im Palast". Gemeint ist der, inzwischen entkernte, Palast der Republik, in dem die Band Purple Schulz noch im August 1989 konzertierte, "Ich will raus!" schrie und dafür bejubelt wurde. In dieser Broschüre sagt Purple: "In erster Linie wollen wir Unterhaltung machen, die Nahrung für´s Gehirn mit sich bringt (...) was wir wollen ist Gebrauchsmusik im wahrsten Sinne des Wortes, Stücke, die Bestand haben über die Jahre." Das haben sie fünfzehn Jahre später wohl bewiesen.

Piek wird von einem Crew-Mitglied angerufen, dass die Hotelgarage schon geschlossen sei. Purple verzieht leicht das Gesicht. Doch dann trinkt er sein Bier aus und zuckt mit den Schultern. Lässt sich wohl nicht ändern. Er geht hinaus in die kalte Berliner Frühlingsnacht und bleibt vor seinem Kombi stehen, der bis zur Decke mit Instrumenten und Verstärkern gestapelt ist. Keine Garage bedeutet, dass er das ganze Equipment verdecken muss, damit es auf öffentlichen Strassen versichert bleibt. Jeder Musiker könnte ein Lied davon singen. Und auch nach über dreissig Jahren Musikerleben ist man nicht dagegen gefeit. Purple zieht eine schwarze Moltondecke hervor, macht sie am Beifahrersitz fest, wurschtelt sie durch den minimalen Freiraum bis zum Dachhimmel, zieht links, ums Auto herum, zieht rechts, wieder nach links, zum Kofferraum und Klappe zu. Ein Musikerleben. Being Purple Schulz. Unverwechselbar, oder..?

[ Das Ganze trug sich im Frühjahr 2004 zu. Die TV-Sendung gibt es schon nicht mehr. ]

Am Piano
Purple Schulz 2004


Text: Christian Biadacz

Bilder: Christian Biadacz

Mehr zu Purple Schulz unter www.purpleschulz.de

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